Die Erben Lazurens (Erster Band)

First Chapter - Part 1


Nun musste er sich beeilen, denn jeder Augenblick war so kostbar wie ein Edelstein. Er war ein großer, dürrer Kerl mit ellenlangem, silbergrauem Haar und einem blassen Gesicht. Sein rotes Gewand wehte im Wind und seine wilden, pechschwarzen Augen huschten wachsam umher, während er im Eingang verschwand. Seine Schritte und das Klappern seiner schweren Rüstung waren die einzigen Geräusche im Rathaus, und im Saal angelangt, sank er überwältigt in die Knie. „Du schreitest voran, Gebieter“, rief er gleich einer Beschwörung „und sie alle werden in deiner Wut ertrinken“. Er küsste den Anhänger um seinen Hals, der das unförmige Auge der Finsternis darstellte. Endlich war er seinem Ziel zum Greifen nahe, und nichts und niemand konnte ihn nunmehr daran hindern. Er schickte sich an, die Beschwörung des dunklen Geistes auszusprechen, als dicht hinter ihm etwas klirrend zur Erde fiel. Mit einem zornigen Aufschrei flog er herum – und erstarrte.

Er blickte direkt in das Gesicht seines Erzfeindes. Der junge Mann trug nur eine leichte Rüstung, war groß, hatte dunkelbraune, kurze Locken und blaue Augen, die gerade in Mordlust funkelten. „Hast du mich vermisst, Sael?“, dem Krieger entging der entsetzte Ausdruck in den Augen des Malreders nicht. Noch bevor Sael hätte etwas tun können, holte der Krieger mit dem rechten Arm aus und machte eine Geste, als wollte er den Malreder ohrfeigen. Mit seinem Arm schlug Sael eine gewaltige Ladung Wasser gleich einer Peitsche ins Gesicht, und das Blut spritzte. „Stelle dich deinem Henker, räudiger Teufel!“, schrie der Mann erbost. Er warf seinen Bogen und den Köcher voller Eis - Pfeile in die Ecke, streifte seinen dunkelblauen Umhang von den Schultern und zog an der recht breiten Schnalle des Gürtels, der um seinen Leib gelegt war. Dieser sprang ruckartig auf und verwandelte sich in eine sehr eigenartige Waffe. Es war ein mannshoher, eiserner Stab, und halbrunde Schneiden aus dünnem Eis zierten jedes Ende. Der Krieger ging in Angriffsstellung und winkte Sael grimmig zu sich heran.

Sael, der sich das Blut von den Lippen wischte, knurrte: „ Ein Glück, dass du hier bist. Kannst du dir vorstellen, wie lange ich auf den glorreichen Tag deines Untergangs warten musste?“. „Auf deinen Tod wirst du nicht einmal halb so lang warten müssen!“, entgegnete der Krieger, wild vor Wut. Sael ergriff eines der umher liegenden Speere und stürzte sich, tierisch brüllend, auf sein Gegenüber.

Der riesige Saal war erfüllt von ihrem Keuchen und Brüllen, dem Lärm ihrer Schritte, dem Klirren ihrer Waffen und ihrem gegenseitigen Hass. Sämtliche Bänke, Tische und Kerzenhalter waren umgeworfen, einige der Vorhänge hatten Feuer gefangen und heller Qualm erfüllte den Raum, doch sie sahen es nicht. Der Kampf schien endlos; doch keiner von den beiden wollte innehalten, bis der Feind vernichtet war.

Oder bist du etwa hier, um deine Geliebte zu rächen, Neptun?“, fragte Sael, „meiner Erfahrung nach ist sie es nicht wert!“. Neptun entließ einen fürchterlichen Schrei und schlug Sael seinen Stab gegen das Haupt. Der Malreder stieß einen Fluch und schon rauschte eine Mauer aus schwarzen Flammen auf Neptun zu. Der Zauber erreichte sein Ziel jedoch nicht, denn Neptun wehrte ihn mit einem Schild aus Eis ab. „Deine kleinen Zauberkünste werden mich nicht aufhalten, Ungeheuer!“. Sael schnellte auf Neptun zu und dieser versetzte ihm einen Tritt in die Rippen,Sael aber wich aus, fauchte wie ein Drache und ergriff ihm beim Hals. Neptun ließ seinen Stab fallen und versuchte, den schnaubenden Malreder von sich zu stoßen. „Ich bringe dich um, du Bastard!“, Sael packte so fest zu, wie es ihm möglich war. Genau in diesem Augenblick geschah es.

Ein ohrenbetäubendes Donnern erschütterte das Rathaus und die beiden ließen von einander ab. „Was ist hier los?“, bellte Sael, an Neptun gewandt, denn der Boden unter ihren Füßen bebte. Draußen heulte der Wind noch immer gleich einem Wolf, doch nun mischte sich unter dieses Geräusch ein wütendes Pfeifen. Neptun blieb seelenruhig, denn anders als Sael wusste er, was sich ihnen da draußen mit rasender Geschwindigkeit nährte. Das Pfeifen wurde lauter, die Bretter vor sämtlichen Fenstern wurden mit einem Krachen gesprengt - und der schwarze, sturmgleiche Geist des Heradium wehte herein. Sael, der zu spät begriff, was jeden Augenblick geschehen würde, setzte zur Flucht an, aber vergebens.

Der Geist stieß gleich einem Raubvogel auf die Männer hinab und sie wurden einige Zeit von ihm gebeutelt, bis er genauso schnell verschwand , wie er gekommen war. Das Fenster, aus dem er hinausflog, schlug hinter ihm zu. Sael sprang als erster auf die Füße. Instinktiv drehte er sich um und versuchte, einige Bänke mit einem Zauber umzuwerfen. Nichts geschah und die Glieder des Malreders erlahmten. Neptun beobachtete das Geschehen argwöhnisch. „Es ist soweit“, dachte er, „von nun an wird uns mit jedem Schlag nicht nur unsere Kraft, sondern auch unser Leben verlassen!“.

Was hast du getan, du stinkender Fischkadaver?“, schrie Sael erbost, schnappte sich sein Speer und ging damit erneut auf Neptun los. „Der Gerechtigkeit Gottes entkommt niemand, Schmarotzer!“ erwiderte dieser kalt. Sie setzten ihren Kampf fort; aber kaum hatte er den ersten Schlag getan, so keuchte Sael und die Waffe fiel klirrend wieder zu Boden. Ihm war, als bohrten sich unzählige Messer in sein Fleisch, und auch Neptun taumelte. Sael wusste nicht, wie ihm geschah. Die Erkenntnis über die nahende Niederlage ließ ihn wie ein wildes Tier rasen. „Vermisst du deinen Bruder, Neptun? Ich schicke dich gern zu ihm!“, donnerte er und stürzte sich damit auf den scheinbar hilflosen Krieger. Er war bereit, zu sterben, aber Neptun würde als erster verschwinden. Die Speerspitze raste unaufhaltsam auf den Hals des jungen Mannes zu, doch im letzten Augenblick duckte dieser sich rasch nach vorne und Sael flog, von der Wucht seines Angriffs mitgerissen, zu Boden.

Seine Kampflust verrauchte, denn Neptun war aufgesprungen und hatte sich über ihm aufgebaut. In seinen Augen las der Malreder den gnadenlosen Wunsch, den Kampf endlich zu beenden. Sael hatte keine Gelegenheit, auszuweichen, denn der Krieger verlor keine Zeit. Er rammte ihm sein eigenes Speer direkt in die Brust und drehte es neun Mal um. Der Malreder lächelte kalt, während das Blut aus seinem Mund schäumte und der Tod wie Feuer durch seine Adern schoss. „Wir sehen uns in der Hölle wieder, Wasserspeier“, versprach er mit einem scheußlichen Grinsen, ehe sein Kopf mit einem dumpfen Schlag zu Boden fiel.

Kaum war das Haupt des Malreders am Flur aufgeschlagen, wie auch Neptun der Atem stockte. Er hustete trocken und spukte Blut in seine Hand. Von dort an wurde jeder Atemzug für ihn zur Qual; er spürte förmlich, wie seine Lunge sich aufzulösen begann. Entkräftet vom Schmerz, fiel er längs zur Boden und erwartete den Tod, am ganzen Körper zuckend. Draußen legte sich der Sturm im Bruchteil von Sekunden, und die ersten, zaghaften Sonnenstrahlen strichen tröstend über sein kreidebleiches Gesicht. Salzige Tränen verschleierten seinen schwachen Blick und das letzte, was er hörte, bevor die Seele seinen Körper verließ, war das weit entfernte, leise Jubeln der Überlebenden, die das Glück noch gar nicht fassen konnten.

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Haltet die Stellung, Männer!“, befahl der Herzog, „was auch immer geschieht – sie dürfen die Kinder nicht bekommen!“. Er deutete auf die Wiegen, die in seinem Rücken standen. Darin lagen, in tiefen Schlaf versunken, neun Kleinkinder unterschiedlichen Alters. Gehorsam bauten sich die Bogenschützen hinter dem Herzog auf, während die Herzogin sich kreidebleich an die Wand presste und Gott im Stillen anflehte, ihnen beizustehen. Der Blick des Herzogs hing an der Tür, die von draußen immer wieder getreten wurde, jedoch nicht zerbrach. „Strengt euch an, ihr Würmer!“, hörte er den Hauptmann der Trolle rufen. Dann wurde es urplötzlich totenstill. „Macht euch bereit!“, der Herzog riss sein Schwert hervor und die Schützen spannten ihre Bögen, denn sie alle rechneten damit, dass die Trolle die Tür jeden Augenblick aus den Angeln schlagen würden. Draußen blieb es aber nach wie vor still. Die Schützen begannen, leise mit einander zu murmeln und der Herzog warf seiner Gemahlin einen fragenden Blick zu. Sie zuckte die Achseln. „Wir sollten uns davon nicht täuschen lassen, Caleer“, sagte einer der Schützen, an den Herzog gewandt, „bestimmt ist es nur eine List, damit wir achtlos werden“. In diesem Moment vernahmen sie den Jubel der Überlebenden, die draußen im Hof standen und im Chor ein Hoch auf die vier Elemente ausriefen.

Caleer war schneller als der Wind beim Fenster und zertrümmerte mit einem Faustschlag das Brett, welches das Fenster verschloss. Keine Ungeheuer, keine erdrückende Dunkelheit und keine Leichen. Nur die unzähligen, freudestrahlenden und von Tränen überströmten Gesichter jener, die seit nunmehr acht Monaten vom Leid heimgesucht worden waren. Weder Caleer noch die Herzogin konnten diese Freude teilen, obgleich sie sich diesen Tag genauso sehr gewünscht hatten, wie die Menschen im Hof. Denn anders als diese wussten die beiden, warum es endlich vorbei war. Entkräftet stützte sich der Herzog auf die Fensterbank, und schaffte es gerade noch, seine Bitterkeit nicht heraus zu brüllen.



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Unser glorreicher Anführer, er lebe hoch!“, rief ein alter, zahnloser Räuber und sogleich brach das Gesindel, welches nur aus Mördern und Wegelagerern bestand, in Jubel aus. Ihre Mitte bildete ein junger, spindeldürrer Mann, dem bei diesen Worten die Brust vor Stolz anschwoll. Er wartete ab, bis das Jauchzen verstummte und verkündete in gespielt demütigem Tonfall: „Nein, gedenken wir den wahren Helden dieser Schlacht. Wer von uns ist ihnen nicht dankbar dafür, dass sie den Großmut besaßen, sich mitsamt unseres Peinigers unter Trümmern zu begraben?“. Johlendes Gelächter erfüllte das Feld, und der Anführer grinste breit in die Runde. „Und nun, Männer...“, er griff in die Tasche, die um seine linke Schulter hing, „...betrachten wir ein letztes Mal das Zeichen unserer Unterdrückung!“. Seine Hand kam mit einem eigenartigen Gegenstand wieder zum Vorschein; und jene, die zuerst erkannten, was ihr Hauptmann mitgebracht hatte, rissen vor Verblüffung die Augen auf. „Wie um alles in der Welt hast du das nur geschafft, Herr?“, fragten sie, ganz und gar überwältigt. Ihr Anführer gab sich jedoch gelassen und meinte: „Nun, unser Fischlein zappelte nicht mehr und ich beschloss, die Gelegenheit klug zu nutzen“. In seiner Hand hielt der Räuberhauptmann den Helm Neptuns. Auch dieser bestand aus glitzerndem Eis und die Augen der Räuber weiteten sich um einiges mehr. „Seht hin, Männer, denn wir siegten über sie! Nieder mit dem Bund Lazurens! Und nieder mit den vier Elementen!“. In hohem Bogen flog der Helm in das nächste Lagerfeuer. Unter tosendem Jubel beobachteten die Räuber, wie er in dem Feuer zerfloss und dieses alsbald erlöschte. „Von nun an gelten meine Gesetze!“, brüllte der Anführer, „hinfort nach Ancyor!“. Fünfzig Reiter jagten über die Steppen, wild kreischend, singend und lachend, und ihnen voran ritt der Hauptmann, besessen von dem Wunsch, seinen Traum endlich wahr zu machen.



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Beim Allgegenwärtigen!“, die Herzogin war an die Seite ihres Gemahls getreten und blickte in sein blasses Gesicht. Der Herzog erwiderte ihren Blick, ohne etwas zu sagen. „Sie sind doch nicht etwa...?“, die Herzogin führte den Satz nicht zu Ende, denn sie wusste die schreckliche Antwort sowieso. Dass die Finsternis von der Erde verschwunden war, konnte nur die Erfüllung des Fluches bedeuten, und sie griff sich mit einem entsetzten Aufschrei an den Hals. Aus ihren Augen schossen dicke Tränen, und sie musste sich hinsetzen, um nicht umzufallen. Die Schützen beobachteten das Geschehen bestürzt. Endlich traute sich einer, zu fragen: „König Arthur wird...nicht wiederkehren?“. Caleer schluckte den Bitterkeitsknoten in seinem Hals, der ihn fast erstickte, hinunter und erwiderte: „Geht hinunter und erzählt dem Volk vom Sieg und dem Preis, den er einforderte“. Die zwölf Schützen verließen bis auf den einen, der als erster das Wort an den Herzog gerichtet hatte, wortlos den Raum. Der Herzog mühte sich, seine Haltung zu bewahren. Unter den zehn Kriegern waren auch seine Geschwister gewesen, genau wie die der Herzogin und des Bogenschützen. Es war schwer zu sagen, wie seine Exzellenz es schaffte, sich trotz bleischwerer Glieder ans Fenster zu begeben. Hoffnungslos blickte er hinaus in die Morgendämmerung, lauschte dem ersten, zaghaften Gesang der Vögel und schüttelte dabei immer wieder den Kopf. Wie hatte Kacingis die Sonnenaufgänge geliebt! „Von nun an wirst du immer mit ihnen sein“, flüsterte er und seine Worte gingen in dem lauten Wehklagen der Herzogin unter. Arius machte kehrt und verschwand im Ausgang. Der Herzog biss die Zähne zusammen, als er ihn draußen aufschluchzen hörte. Arius Senn war für gewöhnlich ein in sich zurückgezogener Mensch, den scheinbar nichts erschüttern konnte, ebenso wenig wie den Herzog selbst. Doch dieses Unglück war größer als alles, was sie bis hierhin erlebt hatten. „Es ist so ungerecht“, schluchzte die Herzogin, „weshalb müssen jene, die für das Gute in diesem Leben einstehen, auf solch grausame Art und Weise von uns gehen?“. Der Herzog setzte sich zu ihr und sogleich warf sie sich ihm, kläglich weinend, um den Hals. „Caleer... Wo ist Papa?“. Wie ein scharfes Messer trafen diese Worte sein Herz, und Caleer schloss vor Schmerz die Augen.



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Schon von Weitem erkannte der Räuberhauptmann, dass das Portal zum Tempel von Ancyor nach wie vor verschlossen war. Die weißen Mauern schienen stabiler denn je. Am Horizont schimmerte der Noya – Nebel in unzähligen Farben. Folglich war der Schrein noch immer an seinem Platz. „Eigenartig“, der Räuberhauptmann zog an den Zügeln seines Reittieres, „mir dünkt es, die Trolle hätten die Mauern eingerannt und den Tempel geplündert ?!“. „Seht euch doch mal um, Kameraden“, einer der Räuber deutete mit seiner Keule in den Sand. Den Hauptmann, der es nicht bemerkt hatte, erschütterte das Bild so sehr, dass er unwillkürlich nochmals an den Zügeln seines Reittieres riss. Das Pferd bäumte sich auf und wieherte empört. „Ruhig!“, sagte der Hauptmann besänftigend, obgleich von Ruhe keine Rede sein konnte. Vor ihnen türmten und häufen sich die Schädel toter Krieger, eingebettet in eine Landschaft, die von Blutpfützen und Organüberresten durchzogen war. „Sie machen ihre Arbeit sorgfältig“, versuchte er, das ganze mit einem Witz zu überspielen. „Also, wenn du mich fragst, Herr, sind die nicht von den Malredern zur Strecke gebracht worden“, wehrte ein anderer ab, „ich hab gehört, dass die Söhne der Finsternis ihre Opfer immer auffressen“. „Lasst uns hier verschwinden, Brüder, so lange wie wir es noch tun können!“, ein dritter gab seinem Pferd die Sporen und jagte davon. „Komm zurück!“, donnerte der Anführer mit wutverzerrtem Gesicht. Sogleich stieß ein grellgrüner Blitz vom Himmel und schlug direkt in das Haupt des Flüchtenden. Den Räubern, die selbst schon das ein oder andere Übel an ihren Mitmenschen verübt hatten, erkaltete das Mark im Rücken über den Anblick, der sich ihren Augen bot. Das Haupt des Reiters war längst von seinen Schultern gefallen, aber das Reittier rannte panisch wiehernd weiter und trug den kopflosen Leichnam davon, bis er nicht mehr zu sehen war. „Wer ist hier?“, brüllte der Anführer, obwohl er es schon erahnte. Er riss einen rostigen Säbel hervor und blickte sich bedrohlicher um, als ihm zumute war. Wie erwartet, vernahm er die eisige Stimme des Magiers, der aus seinem Versteck hervortrat: „Willkommen in meiner Welt, Gorschmoor!“.

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Regungslos blickte das Herzogpaar den Jungen an. Der älteste Sohn seines Bruders zupfte beharrlich an seinem Ärmel und fragte nochmals: „Caleer, kommen Mama und Papa bald zurück?“. Clevita war wie zu Eis erstarrt und blickte ängstlich zwischen ihm und dem Jungen hin und her. Sie überlegte fieberhaft, wie sie den Kleinen ablenken konnte. Schließlich rettete der Herzog die Lage. Mit einem sehr gezwungenen Lächeln fragte er sacht: „Du bist schon wach, Reccon? Hast du gut geschlafen?“. Reccon schien sich dem zu fügen. Mit dem Handrücken strich er über sein rechtes Auge und sagte: „Ja, es ging. Aber wann kommt Papa wieder? Ich hatte einen ganz merkwürdigen Traum, von dem muss ich ihm erzählen!“. Reccon zog das Wort „merkwürdig“ sehr lang und holte mit den Händen ganz weit aus, um zu zeigen, wie eigenartig sein Traum gewesen war. Clevita brach erneut in Tränen aus. „Geht es Papa nicht gut?“, fragte Reccon erschrocken. Caleer lächelte matt, ließ sich in die Hocke sinken und umarmte den Jungen. Dann brach es auch aus ihm heraus; er vergrub sein Gesicht im Rücken des Kindes und schüttelte sich vom Gram, als er erwiderte: „Papa geht es sehr gut, mein Junge. Großartig sogar; aber du und Ramesh, ihr beide habt niemanden mehr außer euch beiden auf dieser Welt!“.

Reccon brauchte einen Augenblick, den er begriff nicht, was Caleer ihm damit sagen wollte. Aber seinen Eltern musste etwas furchtbares widerfahren sein. Die großen, grauen Augen des Jungen füllten sich mit Tränen und sie flossen brennend seine rosigen Wangen hinab. Einige Zeit lang war nichts zu hören außer dem Schniefen des Herzogs und dem Klagen der Herzogin. Weder schrie noch jammerte Reccon. Er blieb mit Tränen in den Augen stehen und strich seinem Onkel über den Rücken. Draußen war das Jubeln verstummt, denn Arius hielt eine Ansprache an die Menschen. Kurz darauf brachen sämtliche Frauen in lautes Geschrei aus, während die Männer bestürzt schwiegen.Trauer erfüllte die gesamte Burg von jener Stille, die bereits seit Anbeginn des Krieges umher waltete. Sie hörten, wie die Natur mit ihnen trauerte. Die Vögel hatten zu singen aufgehört, und selbst der Wind, der sonst durch die leeren Gassen pfiff, war verstummt. Gerade, als Caleer sich anschickte, Reccon wieder ins Bett zu bringen, hörte er das wohlvertraute Rufen des Falken und die Herzogin stürzte erleichtert ans Fenster.



Auch draußen im Hof hatten die Menschen den Ruf des Falken vernommen, der aus letzter Kraft auf die Burg zugeflogen kam. Die Menschen jubelten, denn sie dachten, er würde gute Neuigkeiten bringen. Arius jedoch erkannte schon von weitem, dass der treue Bote seines Bruders offenbar größte Mühe hatte, in der Luft zu bleiben. „Eros, ich bin hier unten!“, rief er instinktiv. Der Falke aber glitt an ihm vorbei, auf das offene Fenster zu, wo der Herzog ihn erwartete. Die Menschen sahen wie gebannt zum Turm auf, denn der Falke sackte beinahe wie ein Stein auf die Fensterbank. Caleer hob das Tier behutsam auf und entfernte rasch das Pergament von seinem Fuß. Clevita war indessen über den Anblick des Falken erstarrt. Das sonst glänzend blaue Gefieder des Tieres war von Blut verklebt und an manchen Stellen sogar verkrustet. Offenbar war Eros etwas sehr großem nur knapp entkommen, und die versengten Schwanzfedern verrieten ihr, dass es der Drache Saels gewesen sein musste, der den Falken gejagt hatte. Sie nahm ihrem Mann das Pergament aus der Hand und entrollte es, auch wenn sich all ihre Sinne dagegen sträubten. Caleer fing den Blick des Bogenschützen auf, der argwöhnisch drein blickte. Kaum hatte sie die ersten Worte gelesen, so entließ die Herzogin einen erstickten Schrei und fiel zurück auf die Fensterbank. Eros musste aus dem Weg hüpfen, um nicht von ihr zerquetscht zu werden. Caleer nahm den Brief wieder an sich – und erbleichte.

Der Brief war mit Blut geschrieben und stammte, nach der sauberen Handschrift zu urteilen, von Neptun selbst:

Liebe Familie,

nun ist es vollbracht. Das Böse ist alsbald besiegt, denn wir haben Sael in die Enge getrieben. Aber trotzdem spüre ich, dass uns der wahre Krieg noch bevorsteht. Caleer, ich bitte dich, bewahre dieses Manuskript gut auf. Lies es unseren Kindern vor, wenn es für sie an der Zeit ist, ihrer Bestimmung zu folgen. Glaubt mir eines; mit dem Tod Saels wird das Übel noch lange nicht bezwungen sein. Ihr wisst zu gut, dass es mehr als genug meuternde Verräter gibt, die nur danach dürsten, den Thron des Edrolyas anstatt von Arthur und Valina zu besteigen. Nicht aber vor ihnen müsst ihr unsere Kinder schützen. Diese Nachricht ist mit einem Zauber belegt. Die Botschaft, die wir euch und den Kindern hinterlassen, erfahrt ihr, wenn ihr dieses Pergament in die Glut eines Feuers legt und noch während es glüht wieder herausnehmt. Ihr dürft kein Werkzeug dazu nehmen; es muss von Hand geschehen. Ich bin mir sicher, dass zwei unserer Erben dazu in der Lage sein werden, wenn es soweit ist. Nun aber verabschieden wir uns von euch, denn das Schicksal wollte es nicht, dass wir uns in diesem Leben noch einmal wiedersehen. In unendlicher Liebe,

Das Manuskript war von den zehn Bändigern unterzeichnet, und Clevita wusste vor Trauer nicht mehr, wie sie reagieren sollte. Die Tränen flossen ihre Wangen hinab, ohne das sie es wollte. Sie nahm Reccon in den Arm, der sie aus großen, von Tränen erfüllten Augen anblickte. „Es ist vorbei“, Caleer ließ sich auf die Fensterbank neben Eros sinken, „alles ist vorbei. Der Friede, die Freiheit – alles. Es wird nicht lange dauern, und sämtlicher Abschaum, der von Arthur so sorgfältig beseitigt wurde, wird wiederkehren und Anspruch auf den Thron erheben“. „Anspruch auf welchen Thron?“, schnappte Clevita plötzlich, „Arthur hat einen Sohn, Caleer!“. Mit diesen Worten deutete sie auf die Wiege, in der ein kräftiger, blonder Junge friedlich vor sich hin schlummerte. „Ich vergaß nicht darum“, wehrte sich der Herzog, „nur fürchte ich, wissen unsere Feinde genauso gut wie wir, dass Jerem noch zu jung ist, um sofort die Herrschaft zu übernehmen!“. Clevita schwieg bestürzt. Was würde nur aus ihrer Heimat werden, wenn ein dahergelaufener Willkür – König sich die Macht unter den Nagel reißen sollte? „Dann sage mir eines, Caleer“, sagte sie deshalb, „kann es einen würdigen Ersatz für einen König geben, der vom Allgegenwärtigen selbst dazu auserkoren wurde? Sollte jemand das Land besser regieren können wie der Gesandte Gottes?“. „Nein, meine Liebe.“

Dem Allmächtigen sei dank, Reyo, du bist zurückgekehrt!“, erleichtert fiel Clevita dem Sprecher um den Hals. Es war ein großer, etwas hagerer Mann. Er trug eine lange, blaue Robe, hatte schwarzes Haar und ein kantiges Gesicht, dass ebenfalls von dunklem Barthaar bedeckt war. „Und wie ich feststelle, gerade noch rechtzeitig“, Reyo nickte ihr zu. „Ich hoffe, du hast eine Lösung für unser Problem“, Caleer grüßte den Zauberer ebenfalls, „sonst bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf einen Bürgerkrieg einzulassen!“. Reyo entgegnete nichts, sondern stolzierte auf die Wiegen zu. Einige Zeit stand er nur da, betrachtete die Erben, unter denen auch seine Enkelkinder waren, und schüttelte das Haupt. Dann ging er auf Eros zu und strich ihm über den Rücken. „Mein armer Freund“, Reyo blickte das Tier voll Mitleid an, „es war deine erste Schlacht, und sogleich musste sie für dich derartig enden!“. Clevita und Caleer wechselten einen Blick. Sie wussten wohl, dass Reyo nicht den Falken, sondern seine Söhne meinte. Neptun und Hamit Mokitsoere waren einfach zu jung gewesen, um zu sterben. Aber dennoch schien der Zauberer, aus welchen Gründen auch immer, ruhig darüber hinweg zu kommen. „Wenn wir uns dann wiedersehen, bringe ich dir bei, dich gegen diese Flüche zu wehren“, flüsterte Reyo Eros zu, „dir und allen anderen!“. Caleer riss die Augen auf. „Wiedersehen?“, wiederholte Clevita matt.

In der Tat!“ der Zauberer nickte zustimmend, „denn ich bin der Meinung, dass es für Arthur keinen besseren Ersatz geben kann; genauso wenig wie für die übrigen Bändiger, meine Liebe. Deshalb wage ich sogar anzunehmen, dass dieses hier...“, Reyo zeigte mit beiden Armen auf seine Umgebung, „...unmöglich schon das Ende sein kann, versteht ihr?“. „Nein, ich verstehe nichts“, sagte sie gereizt „die Bändiger sind tot, das Land ist in Aufruhr – und du sagst, es gibt noch Hoff..?“. Clevita führte ihre Frage nicht zu Ende, denn Reyo nickte zustimmend. Sie streckte die Hand aus, um Eros zu streicheln, und schrie entsetzt auf, denn sie fasste auf kaltes Gestein.„Ah, es hat also bereits begonnen, sich zu erfüllen!“. Reyo schien darauf nur gewartet zu haben.





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Betont langsam schritt Alehon auf die Räuber zu, die allesamt Mühe hatten, ihre Reittiere ruhig zu halten. Offenbar spürten die Pferde die Finsternis, die von dem Magier ausging, so deutlich, dass sie am liebsten ihre Reiter abwerfen und flüchten wollten. Das schwarze Gewand des Magiers flatterte im Wind und seine grünen Augen glänzten von Wahn. Den Säbel weit vor sich ausgestreckt, beobachtete der Hauptmann, wie die Gefahr unaufhaltsam näher kam. „Ich bin sehr glücklich, dich zu sehen, Gorschmoor“, sagte Alehon salbungsvoll, „du kommst gerade rechtzeitig, um mir bei der Übernahme des Thrones zu helfen!“. Gorschmoor zwang sich zu einem herablassenden Lachen und meinte: „Wie kommst du denn darauf, dass ich dir dabei helfen werde, Blutsauger?“. Der Magier schien über diese Frage ernsthaft nachzudenken, denn er blieb einige Längen vor Gorschmoor stehen. „Eine berechtigte Frage, muss ich zugeben“, sagte er schließlich, aber in einem Tonfall, der nur noch größeres Unheil verkündete. Gorschmoor blickte sich verstohlen nach einem Fluchtweg um, während der Magier fortfuhr:„Mir dünkt es, dass Worte reine Zeitverschwendung wären“, er strich sich seinen roten, buschigen Bart, „deshalb halte ich es für sinnvoller, dir eine kleine Kostprobe zu geben!“.

Gorschmoor erwartete einen unheimlichen Fluch, aber nichts geschah. Jedenfalls nicht sofort. Einige Augenblicke blieb es still und der Magier schien nach einer würdigen Demonstration seiner Fertigkeiten zu suchen. Dann riss er ohne weitere Vorwarnung die Arme in die Luft. Sämtliche Pferde wieherten vor Schmerz, sackten in sich zusammen und stürzten zu Boden. Die Räuber blieben noch einige Zeit verdattert in den Satteln sitzen – dann aber wandelte sich ihr Verblüffen in Zorn. Sie waren rasch auf den Beinen und hielten dem Magier ihre Säbel unter die Nase, während sich dieser vor Lachen schüttelte. „Was denn, was denn?“, keuchte er, „nehmt ihr ernsthaft an, eure Zahnstocher würden mich davon abhalten,euch zu vernichten?“. Die letzten Worte hatte Alehon gebrüllt. Er klatschte bloß einmal in die Hände, und schon stießen die selbigen Blitze auf die Häupter der Räuber hinab. Sie versuchten, zu fliehen, doch es war zwecklos. Einer nach dem anderen ging auf grausame Art zu Grunde, bis nur noch Gorschmoor allein am Leben war.

Er warf sich auf die Knie und flehte den Magier an, ihn zu verschonen. Alehon versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht und Gorschmoor flog längst in den Sand. „Reiß dich zusammen!“, bellte der Magier, „Versuche wenigstens, wie ein mächtiger Mann auszusehen, wenn du schon niemals einer sein wirst!“. Er packte den Räuber beim Arm und zerrte ihn auf die Beine. „Und nun bewahre Haltung, wie es sich für einen Herrscher gehört!“. Gorschmoor horchte auf. „Was willst du mir damit sagen?“. Alehon grinste schief: „Das wirst du bald erfahren, mein Junge!“.

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Sehr geschickt eingefädelt, muss ich sagen“, Reyo betrachtete fasziniert die Skulptur, die draußen auf dem Fensterbrett anstelle von Eros hockte, „Hamit hatte schon immer einen Sinn für geniale Zauberformeln“. Die Blicke aller Anwesenden ruhten auf der Skulptur, die aus dem selbigen Gestein wie die Mauern der Burg bestand und einen Falken zeigte, der wachsam zum Horizont blickte. Reyo schien diese Tatsache weder zu überraschen noch, wie die Herzogin, zu bestürzen. „Reyo, vergib mir, aber was genau hat begonnen, sich zu erfüllen?“, fragte Caleer. „Der Kreislauf, mein Sohn“, erwiderte der Zauberer, als wäre es die einfachste Sache der Welt, „der Kreislauf der goldenen Zehn. Davon habt ihr sicherlich schon einmal etwas gehört“. Endlich begriff die Herzogin, welch freudige Nachricht in dieser schrecklichen Stunde ihnen der Mann gebracht hatte. Erleichtert lehnte Caleer sich in seinem Sessel zurück und dachte nach.Nun galt es vor allem, die Kinder sorgfältig vor den Feinden der Bändiger zu schützen, bis es an der Zeit für diese war, zurück zu kehren. „Sehr gut, dass du mich darauf bringst, Caleer“. Offenbar hatte Reyo den Gedanken des Herzogs gelauscht, „denn leider ist es nicht die einzige Neuigkeit, die ich euch überbringe“.

Das habe ich schon fast befürchtet!“, erwiderte Clevita prompt, „es wäre sonst zu schön gewesen“. Reyo faltete die Hände und begann, zu erzählen: „In der Tat gibt es so einige politische Widersacher eurer Geschwister. Um sie geht es mir nicht; sie könnten nichts tun, was sich mit einem einfachen Erlass nicht wieder aus der Welt schaffen ließe. Ich spreche von Mächten, die trotz dem Sieg der Bändiger über das Böse noch auf der Erde umher walten. Mächte, die dazu in der Lage sind, den Verstand des Volkes zu vernebeln und seine Entscheidung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Sie werden sich den Zweifel der Menschen zum Vorteil machen, und deren Willen nach Sicherheit, Beständigkeit und Ordnung. Den Anführer dieser Mächte ausfindig zu machen, ist wohl einfacher, als eine Schreibfeder zu halten.“ Reyo nahm die Nachricht der Bändiger hoch und zeigte sie den anderen, wobei er hinzu setze: „Sie wussten es von Anfang an, und wir haben Glück, dass sie ihr Wissen mit uns teilen. Meuternde Verräter gibt es zu genüge, aber nicht vor ihnen sollt ihr die Erben schützen. Wir wissen doch alle, wem der Tod der Bändiger gerade recht kommt, um seinen schmutzigen, ehrlosen Plan in die Tat umzusetzen?“. „Durchaus“, ging der Herzog darauf ein, und sein Blick verfinsterte sich dabei, „die alte Schlange wartet nur darauf, endlich aus ihrem Loch zu entfliehen.“ „Und ich befürchte, er hat nicht nur das geschafft, mein Freund. Ich habe ihn bei Ancyor gesehen, kurz bevor ich die Grabstätte unserer Helden verließ, um euch einen Besuch abzustatten!“. „Sie sind in Ancyor begraben? Wirklich im Inneren des Tempels?“, platzte es aus Clevita heraus. Sie schien beeindruckt von dem Gedanken. Reyo ging mit einem Lächeln auf ihre Frage ein: „Am Fuße des Greifes, um genau zu sein, meine Liebe“.Einen Augenblick schwiegen sie, gerührt von der Vorstellung. „Sie haben es verdient – wenn es jemand verdient, dann sie!“, Caleer nickte und stimmte sich selbst zu. „Was ist mit Alehon? Was hat er geschafft?“, Arius betrat gemeinsam mit Rogea das Zimmer und setzte sich neben Reyo auf die Fensterbank. „Nun ja, Arius. Er trug etwas, sagen wir, sehr wertvolles und gefährliches zugleich bei sich. Etwas, was ihm nicht nur die Herrschaft über den Edrolyas, sondern auch über sämtliche Geister der Unterwelt verleiht.“ „Machtgierige Bestie!“, stieß Caleer zornig hervor. Reyo nickte. „Ich weiß noch nicht, wie viel er von der Macht, die ihm der Stein der Finsternis einbringt, tatsächlich verwenden kann. Das hängt natürlich ganz von dem Grad seiner Fertigkeiten ab. Aber wenn ich's mir recht überlege, ist dieser Hundesohn zu allem bereit, um sich den größten Schatz dieser Erde unter den Nagel zu reißen!“. Mit diesen Worten deutete der Zauberer auf die Kinder. „Er würde seine Seele an die Finsternis verkaufen, wenn es bedeutet, dass sie ihm die Kinder ausliefert. Wird euch klarer vor Augen, Freunde? Er ist der Krieg, der uns bevorsteht!“. Clevita blickte ihren Gemahl an, und dieser warf Arius einen Blick zu. „Er wird sie niemals bekommen“, Arius klang so, als würde er mit den toten Kriegern sprechen, „das schwöre ich bei meinem Leben, Brüder und Schwestern“. Clevita überlegte indessen angestrengt, an welchem Ort die Kinder vor dem Magier sicher sein würden. Wenn es stimmte, was Reyo sagte, so war jede Flucht sinnlos. Die Geister und Dämonen der Unterwelt würden Zugang zu jedem Raum finden, in dem es nur eine dunkle Ecke gab. Sie blickte Reyo fragend an. „Und wie steht es um einen Raum, der keine Ecken hat?“, meinte dieser, ein wenig schmunzelnd. Ohne die Antwort der anderen abzuwarten, zog er einen recht eigenartigen Schlüssel aus seiner Tasche und legte diesen mit einer feierlichen Bewegung auf den Tisch.

Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren!“, Clevita, die sofort verstand, worauf Reyo hinaus wollte, sprang auf und stürmte zur Tür. Der Herzog, Arius und Rogea rannten ihr nach, während Reyo gemächlich hinaus stolzierte, und die Tür behutsam hinter sich schloss.

Außer dem leisen Atem der zehn Erben war nichts mehr zu hören. Sie alle ahnten kaum, dass das Schicksal der bestehenden Welt alsbald in ihren Händen liegen würde, und niemand ihnen bei dieser schwierigen Aufgabe zur Seite stehen konnte außer den Eltern, die noch zehn lange Jahre im Todesschlaf verbringen sollten, bevor die Erben nach ihnen riefen. Draußen ging die Sonne auf, und ihre Strahlen fluteten den Raum mit warmen Licht. Doch die Kälte würde noch sehr lange nicht weichen; weder aus den Herzen der Menschen noch vom Angesicht der Welt.

 

First Chapter - Part 2

Die Flucht nach Hepakris